Aktuelle Beiträge aus dem Landtag

Schulchaos unter Corona

So lange es irgend geht, bleiben die Schulen offen - das ist seit Ende der Sommerferien die Haltung der Bundesländer und der Beschluss in der Kultusministerkonferenz.
Jetzt, da die Infektionszahlen täglich Höchstwerte erreichen, zeigt sich: Es wird Ernst. Auch in den Schulen werden Maßnahmen verschärft. NRW und Baden-Württemberg haben eine Maskenpflicht von der 5. Klasse an beschlossen, Hamburg in der Oberstufe, in Bayern gilt sie künftig jenseits einer 7-Tage-Inzidenz von 50 sogar an den Grundschulen. Weitere Länder werden folgen. Doch den Unterricht im Klassenzimmer - das also, was Schule ausmacht – will bislang niemand aufgeben. Das musste jetzt auch die Stadt Solingen erfahren, die auf ihren außerordentlich hohen Infektionszahlen mit einer Art Schul-Wechselschicht begegnen wollte: Der Unterricht sollte zur Hälfte nach Hause verlegt werden, die andere Hälfte sollte in der Schule stattfinden. Das Land hat sich hierzu klar positioniert und das Solinger Modell kurzerhand verboten. Seitdem debattiert das Land wieder über Flickenteppiche und einheitliche Regeln im Land und Bildungsministerin Gebauer (FDP) hat hieran einen großen Anteil.

Eine Frage der Bildung

Das ist mutig und bildungspolitisch konsequent. Denn das Homeschooling ist ja nicht einfach nur eine technische Herausforderung, sondern auch ein Problem der Bildungsgerechtigkeit: Die Schülerinnen und Schüler haben zu Hause sehr ungleiche Voraussetzungen und es mehren sich die Hinweise, dass das Homeschooling weniger bringt als der Präsenzunterricht und dass insbesondere schwächere Schüler kaum vom Distanzlernen profitieren können. Es ist also richtig, alles daran zu setzen, dass Kinder ihre Bildungschancen auch nutzen können.

Das Corona-Risiko

Aber es ist auch riskant. Denn so richtig es ist, dass die Landesregierungen das Recht auf Bildung hochhalten: sie setzen sich damit über das Robert-Koch-Institut hinweg. Ab einer Inzidenz von 50 empfiehlt das RKI nämlich nicht nur die Maskenpflicht auszuweiten, sondern auch Klassen zu verkleinern. In NRW ist die Inzidenz 50 bereits fast überall weit überschritten. Für viele Schülerinnen und Schüler würde das zumindest zeitweise bedeuten: zurück zum Fernunterricht. Die Länderchefs und ihre Minister wollen das mit Blick auf die Bildung der Kinder Das wollen die Länderchefs wenigstens flächendeckend verhindern. Und das ist durchaus legitim. Das RKI macht Empfehlungen für den Infektionsschutz, die Politik macht die Bildungs-Politik. Und sie steht dabei auf einem Standpunkt, den ja auch die Wissenschaft mit einer breit angelegten Studie vom RKI und dem Deutschen Jugendinstitut stützt: dass Schulen eben bisher NICHT die Pandemie-Treiber sind. 

Überforderung durch Chaos

Doch dieser Kurs droht viele der Menschen zu überfordern, die gebraucht werden: die Lehrkräfte und die Eltern. Deren Ängste und Sorgen sind deutlich spürbar. Und mit den Infektionszahlen werden sie weiter wachsen. Und das ist auch kein Wunder: die vergangenen Monate haben nicht gerade das Vertrauen in das Krisenmanagement des Bildungsministeriums NRW, der Kommunen und der Schulen gestärkt: Die Landeslinie erscheint erratisch: Der Schlachtruf "die Schulen bleiben offen!" wird binnen weniger Tage von Schulschließungen und Einführung des Homeschoolings abgelöst. Und ebenso abrupt werden die Schulen dann wieder geöffnet. Erst mit Maskenpflicht, dann ohne , jetzt wieder mit. Die Schulen verzweifeln an den ständig wechselnden Direktiven, das Land schießt zurück und fordert mehr Eigeninitiative der Schulleitungen. Und die Kommunen als Schulträger schauen teilweise erstarrt diesem Pingpong zu.

Niemand will einen Flickenteppich, aber...

In dieser Situation ist es also nicht verwunderlich, dass Solingen mit einen Schichtmodell aus Präsenz- und Distanzunterricht einen Sonderweg einschlagen wollte. Ich verstehe, dass das Land einen weiteren Flickenteppich aus unterschiedlichen Regeln verhindern möchte. Denn es kann wirklich nicht sein, dass an jeder Stadtgrenze wieder anderes gilt. Aber dann muss das Land auch liefern. Es muss endlich einen landesweiten Plan dafür geben, wie die Kommunen und Schulen mit steigenden Infektionszahlen umgehen sollen. Mit Schwellenwerten und Instrumenten. Es kann doch nicht die Lösung sein, dass Kommunen und Schulen sich genötigt sehen, eigene Pläne zu entwickeln, um Schüler und Lehrer vor dem Virus zu schützen, nur damit das Land diese Pläne dann verbietet, ohne eine Lösung anzubieten! Besonders pikant ist aber, dass Schulministerin Gebauer das Flickenteppichargument spielt, obwohl die Bestimmungen des Landes zum Präsenzunterricht ja selbst einen Flickenteppich vorschreiben! Nur nicht auf kommunaler Ebene sondern noch kleinteiliger auf Schulebene. Und hier beißt sich die Katze nun wirklich selbst in den Schwanz. Und es wiederholt sich, was wir schon kennen: Schulen müssen die Frage, wie sie mit Corona umgehen am Ende selbst beantworten. So verhindert man keinen Flickenteppich, so beschwört die Landesregierung ihn ja geradezu!

Endlich bei der Digitalisierung vorangehen!

Aber auch die Kommunen müssen als Schulträger ihre Hausaufgaben machen: Die Bedingungen waren an vielen Schulen bereits vor Corona schlecht. Die Digitalisierung wurde in Deutschland verschlafen. Deshalb wurde noch vor Corona der millionenschwere Digitalpakt Schule vom Bund aufgelegt. Doch was ein Startschuss in eine digitalere Zukunft sein sollte erweist sich bisher als gemächlicher Sonntags-Spaziergang: Die Mittel liegen im Bildungsministerium bereit und warten darauf, von den Kommunen abgerufen zu werden. Doch genutzt wurde das bisher viel zu wenig. Und das obwohl Corona uns doch zeigt, wie wichtig das Thema ist, gerade auch, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Für Leverkusen sind das genau 9,2 Millionen. Doch zum ersten Oktober hatte auch Leverkusen noch keine dieser Mittel abgerufen. Dabei haben unsere Ratspolitiker bereits vor Monaten vorgelegt: mit den Beschlüssen 3376 zur Ausstattung der Leverkusener Schulen sowie 3616 und 3376 Sofortausstattungsprogramm, ist die Stadt aufgefordert worden, die Digitalisierung der Schulen endlich anzugehen. Einiges ist auch schon geschehen: In unseren weiterführenden Schulen ist bereits die Lernplattform „MNSpro Cloud“ installiert worden mit 14.000 Nutzerkonten für Schüler und Lehrer. Das ist ein Anfang, der hoffen lässt.

Zusammenhalten

Wir müssen zusammenhalten. Eltern, Lehrer Schulen. Vor allem aber muss die Politik endlich pragmatisch Lösungen suchen, statt sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben. Und jede Ebene hat hier seine Aufgaben: Das Land muss klare Leitplanken vorgeben an Kommunen als Schulträger und an die Schulen selbst. Nur klare Regeln lassen sich nachvollziehen. Und nur, wenn die Einschränkungen auch nachvollziehbar sind, können sie auf Akzeptanz in der Bevölkerung zählen. Die Kommunen müssen alles daran setzen ihre Schulen, Lehrer, Schüler und Eltern bestmöglich zu informieren und zu unterstützen. Den Schulen, Lehrern und Schülern ist nur zu wünschen, dass endlich alle an einem Strang ziehen. Und – das ist mir besonders wichtig – wir leben jetzt seit fast einem dreiviertel Jahr mit Corona. Wie kann es eigentlich sein, dass alle gebannt auf die Zahlen starren und dann aber planlos auf das Auf oder Ab der Kurven reagieren. Wir wissen doch, was auf uns zukommen kann. Da können wir alle erwarten, dass frühzeitig offen gelegt wird, wie man mit bestimmten Situationen umgehen wird. Es wird wirklich Zeit für einen Plan!